Patiententreffen mit Dr. Leypoldt

von | 28.05.21 | Aktuell, Berichte, Berlin Brandenburg

Zoom-Meeting vom 30. April 2021 mit Herrn Privatdozent Dr. med. Leypoldt, Oberarzt neuroimmunologische Ambulanz, Klinik für Neurologie, Campus Kiel. Herr Dr. Leypoldt beantwortete in unserem Online-Treffen zahlreiche Fragen. Einige waren uns vorab zugesandt worden.

Frage: Ist es möglich das GBS allein anhand des Blutbildes zu diagnostizieren? Der erste Befund des Nervenwassers war negativ.

Antwort von Dr. Leypoldt: Nein, das GBS wird im Verlauf diagnostiziert. Vor allem die Nervenleitgeschwindigkeit dient der Diagnose. Mit der Untersuchung des Nervenwassers, also die sogenannte Liquor Untersuchung, werden andere Ursachen ausgeschlossen. Bakterielle Infektionen, oder Borreliose würden auf andere Krankheiten hindeuten.

Frage: In der akuten Phase des GBS wurde die Therapie mit der Plasmapherese 10x und der Infusion Immunglobuline 5x verabreicht. Somit waren die Nervenschmerzen gelindert, zudem wurde das Schmerzmittel Pregabalin verabreicht. Dieses verursachte eine schwere allergische Reaktion. Alternativ wurde Gabapentin verabreicht und verursachte die gleiche allergische Reaktion. Gibt es eine alternative Therapie, um diese Nervenschmerzen zu lindern? Aktuell habe ich keine Therapie.

Antwort von Dr. med. Leypoldt: Warum kommt es zu Nervenschmerzen. Was sind Schmerzen woher kommen sie. Schmerz ist ein Hinweis des Körpers, dass ein Gewebeschaden vorliegt. Der Schmerz führt zu einer Reaktion. Dr. med. Leypoldt führt das Beispiel der heißen Herdplatte an. Ein Griff auf die heiße Herdplatte führt zum Schmerz. Die Hand wird weggezogen. Nervenschmerzen sind grundsätzlich anders. Es liegt kein Gewebeschaden vor. Die Nervenhülle ist verletzt. Die Verletzung hat einen Kurzschluss zur Folge. Der Übertritt von normalen Berührungsreizen oder spontanen Reizen auf Schmerzfasern löst Schmerzen aus. Die Nervenschäden können nicht durch Medikamente repariert werden. Mit der geeigneten Therapie kann man aber versuchen, weitere Nervenschäden zu verhindern. Der Körper repariert teilweise die Nervenschäden.

Eine Schmerztherapie bei GBS beruht darauf die Nervenleitung, vor allem in den kleinen Nervenfasern, zu reduzieren. Nebenwirkung: Die Therapeutika  machen müde, denn der Körper muss sich daran gewöhnen, dass es anstrengender ist einen Reiz weiterzuleiten. Einige dieser Therapeutika können zu allergischen Reaktionen führen. Es gibt aber weitere Medikamente die man einsetzen kann. In wenigen Fällen können Opioide eingesetzt werden.

Dr. med. Leypoldt betont, dass keines der Medikamente alle Schmerzen beseitigen kann. Eine Reduzierung der Schmerzen ist allerdings möglich. Eine Kombination von Schmerzmitteln, Psychotherapie, Ergotherapie und  Wahrnehmungsübungen, kann Schmerzen erträglicher machen. Doktor Leypoldt beschreibt noch einmal den Unterschied zwischen Schmerzen, die auf einer Gewebe Verletzung beruhen und Nervenschmerzen. Als Beispiel: Bei einer Geburt werden die Schmerzen nicht so heftig empfunden, wie sie objektiv betrachtet sein können. Die Wahrnehmung macht einen Teil der Empfindung aus. Betroffene mit Schmerzproblematik sollten die Therapie bei einem geschulten Neurologen oder Schmerztherapeuten suchen.

Frage: Inwiefern ist eine Therapie mit Immunglobulinen im späteren Verlauf des GBS sinnvoll? Eine Schmerztherapie findet aktuell nicht statt.

Antwort von Dr. med. Leypoldt: Das akute GBS ist eine kurzzeitige, anfallsartige Fehlfunktion des Immunsystems, bei dem die Nervenwurzeln geschädigt werden. Sie ist Monophasisch. Die akute Behandlung erfolgt meist mit Blutwäsche (Plasmapherese), Immunadsorption oder mit Immunglobulinen. Für das GBS muss keine wiederholte Therapie mit Immunglobuline stattfinden.

Sollte die Fehlfunktion des Immunsystems jedoch über mehrere Monate andauernd spricht man von der chronischen Variante, der CIDP. Die beiden Varianten unterscheidet man durch die Beobachtung der Ausfälle. Beim GBS sollte sich die körperliche Leistungsfähigkeit kontinuierlich verbessern oder zumindest stabil bleiben. In der chronischen Form kann es kontinuierlich oder schubförmig zu Verschlechterungen kommen.

Frage: Kann eine CIDP durch eine Impfung entstehen?

Antwort von Dr. med. Leypoldt: Fast jeder Infekt kann ein GBS auslösen. Früher, das heißt bis in die 90er Jahre hinein, haben wir selten GBS Erkrankungen, die durch eine Impfung ausgelöst wurden, gesehen. Manchmal wurden in der Impfstoffproduktion Hühnerembryonen eingesetzt. Dabei kam es selten zu Verunreinigungen mit Nervengewebe, durch das eine Immunreaktion am Nervengewebe hervorgerufen wurde. Die modernen Impfstoffe werden synthetisch hergestellt. Nach einer Covid-19-Infektion gab es einige GBS Fälle. Das Risiko nach einer Covid-19-Infektion GBS zu bekommen ist jedoch höher als das Risiko durch die Impfung daran zu erkranken.

Frage: Wie lange hält die Wirkung des Medikaments Rituximab an?

Antwort von Dr. med. Leypoldt: Rituximab ist ein monoklonaler Antikörper. Bei einer Gruppe von CIDP Erkrankten, bei denen Antikörper nachgewiesen werden können, hilft Rituximab. Es bindet die CD 20 B-zellen. Nach sechs bis zwölf Monaten wachsen die B-Zellen nach.

Frage: Kann eine Covid-19 Impfung bei CIDP Schaden?

Antwort von Dr. med. Leypoldt: Das Risiko einer Covid-19 Impfung bei CIDP ist viel, viel geringer als das Risiko einer Covid-19 Infektion. Doktor Leypoldt versucht das in Zahlen zu fassen. Das Risiko eines schweren Verlaufs bei einer Covid-19 Infektion ist durch eine Vorerkrankung deutlich höher. Wenn das Risiko eines schweren Verlaufs somit auf 1:1000steigt.,ist das Risiko durch die Impfung Schaden zu nehmen bei 1:1 Millionenliegt. Während einer akuten Phase würde Herr Dr. Leypoldt aber von einer Impfung abraten. Während eines schweren Infektes sollte man nicht impfen. Unter einer Immuntherapie besteht das Risiko, dass die Impfung nicht gut wirkt.

Frage: Gibt es neben der Nervenleitmessung noch andere Untersuchungen, um zu beurteilen, ob sich eine diagnostizierte CIDP verschlechtert, verbessert oder stabil bleibt. Gibt es z.B. Laborwerte, die auf eine Änderung des CIDP Zustands schließen lassen (Blut, Liquor, etc.)?

Antwort von Dr. Leypoldt: Er richtet sich nach der Meinung des Patienten, der Muskelkraft, den Ergebnissen der aktuellen Untersuchung der Sensibilität. Die Nervenleitfähigkeit ist kein guter Parameter für den Verlauf. Sie hinkt den Ereignissen hinterher. Für die Diagnostik ist die Nervenleitgeschwindigkeit sinnvoll, den Verlauf kann sie nicht darstellen. Gerne hätte er einen Biomarker, um den aktuellen Status zu bestimmen.

Frage: Hintergrund ist die IVIG Therapieanpassung bei stabilen Zuständen der CIDP und die Frage, ob ein Ausschleichversuch beginnen sollte.

Antwort von Dr. Leypoldt: Hier scheint es unterschiedliche Schulen zu geben. Doktor Leypoldt versucht nach stabiler Therapie die Gabe von Immunglobuline zu reduzieren. In einigen Fällen ist eine Verlängerung der Zyklen oder eine Reduzierung der Menge ohne Verschlechterung möglich.

In der Diskussion um die Beurteilung der Krankheitsaktivität beschreibt Dr. med. Leypoldt, dass die Sensibilitätsprüfung ein guter Indikator dafür sei. Gleichgewichtsübungen, Stimmgabeltest oder der Zehenstand sind geeignet. Leider eignet sich das Schmerzempfinden nicht zur Beurteilung der Krankheitsaktivität. Nervenschmerzen können auch in einem Heilungsprozess verstärkt auftreten.

Frage: Der Betroffene hatte vor neun Monaten GBS. Er wurde nicht beatmet. Er könnte sich zum ersten Mal mit BIONTECH impfen lassen. Wäre das sinnvoll für ihn oder sollte er die Impfung besser absagen. Der behandelnde Neurologe wollte keine Empfehlung für oder gegen die Impfung aussprechen.

Antwort von Dr. med. Leypoldt: Impfen ist sinnvoll. EineCovid-19 Infektion aktiviert das Immunsystem mit viel höheren Risiken. Eine Impfung sei nur während des akuten GBS nicht angeraten.

Frage: Ich setze 2x wöchentlich meine subkutane Hizentra Infusion, da ich an CIDP erkrankt bin. Diese Infusion wirkt ja auf mein Immunsystem. Was passiert mit meinem Immunsystem, wenn ich zusätzlich noch die Covid-19 Impfung bekomme.

Antwort von Dr. Leypoldt: Das Unkomplizierteste ist das Impfen unter einer Therapie mit Immunglobulinen. Es gibt zwar das Risiko, dass die Impfung nicht wirkt. Die Präparate aus Blutplasma sind jedoch aus Spenden hergestellt worden, die vor mindestens 9 Monaten gesammelt wurden. Antikörper gegen Covid-19 dürften in unseren derzeitigen Medikamenten noch nicht vorhanden sein. Daher besteht kein Risiko einer verringerten Impfwirkung unter Immunglobulinen.

Frage: Nun habe ich im Beipackzettel von Hizentra gelesen, dass eine gleichzeitige Behandlung mit Hizentra eine Impfung mit Lebendimpfstoffen ausschließt. Kann man sich mit dem BIONTECH-Impfstoff impfen lassen und wie sollte der Abstand zwischen Impfung und Infusion sein?

Antwort von Dr. Leypoldt: Die zugelassenen Impfstoffe enthalten keine lebensfähigen Viren. Es gibt keine Kontraindikation bei Immuntherapien. Es könnte bei der Therapie mit Rituximab zu einer Verringerung der Impfwirkung kommen.

Frage: Kann man sich unter Cortisontherapie impfen lassen.

Antwort von Dr. Leypoldt: : Der Abstand zu einer Hochdosiscortisontherapie sollte sechs bis acht Wochen betragen, da eine Cortisontherapie die Wirkung der Impfung reduzieren würde. Bei einer Dosierung von unter 5mg Cortison sollte die Impfwirkung gesichert sein. Bei höheren Dosierungen sprechen sie mit ihrem Arzt.

Frage: Mein Vater wurde Ende Januar dieses Jahres auf das Coronavirus positiv getestet. Auf diese Erkrankung folgte GBS mit einem relativ schweren Verlauf. Daher meine Frage: Wie schätzt Herr PD Dr. med. Frank Leypoldt die Lage ein? Wie würde der Körper auf eine Impfung reagieren? Gerade weil mein Vater noch so schwach ist und sein GBS durch Corona ausgelöst wurde. Würde er eine Impfung empfehlen oder eher davon abraten?

Antwort von Dr. Leypoldt: Zurzeit ist der Patient noch geschützt. Im Laufe des Sommers kann man das neu bewerten.

Es gab einige Fragen zu Alternativen zu Azathioprin in Kombination mit Immunglobulinen.

Antwort von Dr. Leypoldt: Vor 10 Jahren galt Azathioprin in Kombination mit Immunglobulinen als Standardtherapie. Es gibt allerdings keine Studien, die eine Wirksamkeit von Azathioprin bestätigen. Es mag Einzelfälle geben, bei denen die Gabe von Azathioprin zur Therapie von CIDP wirksam ist.

Dr. Leypoldt beschrieb eine Studie, die an fünf Zentren in Deutschland durchgeführt wird. Neonatale FC-Rezeptorblocker könnten in einigen Fällen statt Immunglobulinen wirksam sein. Der Blocker reduziert die Menge an Antikörpern, die im Körper produziert werden. Es werden noch Teilnehmer für die Studie gesucht.

In Kiel findet auch eine Studie zu Schmerztherapien statt. Interessenten aus dem Umkreis von Kiel können daran teilnehmen.

Sobald die Informationsmaterialien zur Studie veröffentlicht werden, informieren wir dazu.

Herzlichen Dank an Dr. Leypoldt für die ausführliche und gut verständliche Beantwortung der zahlreichen Fragen.