1. Grundlagen neuropathischer Schmerzen
Viele GBS oder CIDP-Erkrankte kennen neuropathische Schmerzen. Parästhesien gehören zu den charakteristischen Symptomen unserer Erkrankungen. So nennen Mediziner Missempfindungen wie Kribbeln, „Ameisenlaufen“, Taubheit oder Brennen. Einige leiden unter brennenden, einschießenden oder elektrisierenden Schmerzen. Als Allodynien, werden Schmerzen bezeichnet, die durch normalerweise nicht schmerzhafte Reize ausgelöst werden. Ein leichter Berührungsreiz zum Beispiel oder ein Kälte- oder Wärmereiz auf der Haut löst dann einen (stärkeren) Schmerz aus.
Neuropathische Schmerzen sind bei CIDP-Erkrankten eine andauernde Belastung. Auch bei GBS-Erkrankten können die Schmerzen mit psychischen sowie sozialen Belastungen einhergehen. Dann reicht eine rein medikamentöse Therapie meist nicht aus. Hier kann die multimodale Schmerztherapie ansetzen.
2. Konzept der multimodalen Schmerztherapie
Die multimodale Schmerztherapie basiert auf dem biopsychosozialen Modell. Biologische, psychologische, soziale und kulturelle Faktoren beeinflussen unsere Schmerzwahrnehmung. Der Schmerz wird nicht nur als körperliches Symptom verstanden, sondern als komplexes Zusammenspiel dieser Faktoren.
Für die multimodale Schmerztherapie ist die interdisziplinäre Zusammenarbeit von Medizinern, Physiotherapeuten, Ergotherapeuten, Psychologen und Pflegefachkräften notwendig. Auf die gemeinsame Therapieplanung folgt die Kombination mehrerer Behandlungsverfahren. Wir Patienten müssen aktiv mitarbeiten.
Das Ziel jeder Schmerztherapie ist die deutliche Reduzierung der Schmerzen. Die Verbesserung unserer Funktionen, die Steigerung der Lebensqualität und die Wiederherstellung von Teilhabe sind weitere Ziele.
3. Medikamentöse Therapie
Die medikamentöse Behandlung neuropathischer Schmerzen unterscheidet sich von der Therapie solcher Schmerzen, die durch akute Verletzungen hervorgerufen werden.
Neuropathische Schmerzen sind auch für Mediziner eine therapeutische Herausforderung. Oft kann keine Schmerzfreiheit erreicht werden. Bei medikamentösen Optionen sprechen manche von uns nur unzureichend auf die Therapie an oder leiden an nicht tolerierbaren Nebenwirkungen. Wir müssen vor Therapiebeginn über potenzielle Nebenwirkungen und Therapieziele diskutieren. Zu diesem Aufklärungsgespräch gehört auch die Information, dass die Wirkung erst nach Einstellung der Dosierung und Erreichen einer wirksamen Dosis und mit zeitlicher Verzögerung einsetzt. Wenn es nicht zur erhofften Wirkung kommt, sollten die Präparate nicht ohne Rücksprache abgesetzt werden.
Es kann sinnvoll und effektiver sein, mehrere Medikamente zu kombinieren. Dadurch können Synergien schmerzhemmender Effekte auftreten, was die Einzeldosen reduziert.
Viele Erkrankte nehmen Antikonvulsiva, wie Gabapentin oder Pregabalin, ein. Sie wirken auf neuronale Kalziumkanäle und reduzieren die Erregbarkeit von Nervenzellen. Diese Medikamente werden als Mittel erster Wahl zur Therapie chronischer neuropathischer Schmerzen bezeichnet.
Ein anderes Mittel erster Wahl in der Behandlung neuropathischer Schmerzen sind Antidepressiva (z.B. Amitriptylin oder Duloxetin). Sie wirken schmerzlindernd durch Beeinflussung von Serotonin und Noradrenalin. Der Effekt auf die neuropathischen Schmerzen kann früher und bei geringerer Dosierung eintreten als die Wirkung bei Behandlung einer Depression.
Wenn diese Schmerztherapie erfolglos ist, könnenin ausgewählten Fällen Opioide eingesetzt werden. Aufgrund von Nebenwirkungen und Abhängigkeitsrisiko erfolgt ihr Einsatz jedoch zurückhaltend. Opioide ahmen körpereigene Endorphine nach. Sie lösen schmerzstillende Effekte aus.
Es gibt auch Wirkstoffe, die äußerlich angewendet werden können. Das bezeichnen Mediziner als Topische Therapie. Einige Erkrankte nutzen Lidocain- oder Capsaicin-Pflaster. Diese sind insbesondere bei lokalisierten neuropathischen Schmerzen sinnvoll. Mediziner bezeichnen das als Mittel zweiter Wahl in der Behandlung neuropathischer Schmerzen.
Zur Transkutanen Elektrischen Nervenstimulation (TENS) gibt es zu wenig Daten, die eine Wirksamkeit belegen. Dies gilt bisher auch für den Einsatz von Botulinumtoxin. Die Leitlinien zur Therapie neuropathischer Schmerzen werden derzeit überarbeitet. Vielleicht wird es in der neuen Version Änderungen dazu geben.
4. Psychologische Verfahren
Chronische neuropathische Schmerzen – das bedeutet für viele Angst, Depression, Schlafstörungen und sozialer Rückzug. Verschiedene psychologische Verfahren können positiv wirken.
Entspannungsverfahren, wie Progressive Muskelrelaxation, haben viele von uns in der Rehabilitation kennengelernt.
Schmerzbewältigungstraining ist eine Anleitung in aktiver Krankheitsbewältigung. Bewältigungsstrategien (Copingstrategien) werden erlernt und dadurch kann die Schmerzverarbeitung verbessert werden.
Die Kognitive Verhaltenstherapie (KVT) kann helfen, schlechte Gedankenmuster („Katastrophisieren“) zu erkennen und zu verändern. In solchen Therapien werden Verhalten, Gedanken und Gefühle reflektiert, auf Angemessenheit überprüft und Alternativen erarbeitet. Hier können auch Strategien für Schmerzmanagement entwickelt werden.
5. Physio- und Bewegungstherapie
Jede Bewegung ist gut. Bewegungstherapie ist ein zentraler Baustein der multimodalen Schmerztherapie. Wir möchten Kraft, Ausdauer und Koordination verbessern oder erhalten. Schonhaltungen müssen erkannt und vermieden werden.
Dies können wir durch Physiotherapie, Medizinische Trainingstherapie und oder Ergotherapie erreichen.
6. Aufklärung und Selbstmanagement
Ohne unser Engagement kann multimodale Schmerztherapie nicht wirksam werden. Wir müssen die Mechanismen chronischer Schmerzen verstehen und unsere Angst vor Bewegung abbauen. Für uns ist es aber genauso wichtig, die Frühwarnzeichen von Überlastung zu erkennen. Dann können wir Aktivitäten trotz Schmerzen gestalten. Das fördert unsere Autonomie und wir merken, dass wir Selbst wirksam sind.